Wer wir waren

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Roger Willemsen

Ein hochgelobtes Büchlein, es schildert den Blick aus der Zukunft zurück auf unsere heutige Zeit, in Form einer meisterhaft formulierten Gesellschaftskritik.

Willemsen besticht durch seine Analyse und bringt die Dinge auf den Punkt. Die Ausdrucksweise gewohnt brillant, ein literarisches Fest. Manche Sätze muss man einfach mehrmals lesen.

Allerdings sollte man sich weder vom Namen des Autors noch von den verschachtelten Sätzen mit vielen Fremdwörtern blenden lassen. Die Thematik ist bereits bekannt, es gibt schon jede Menge ähnlicher Texte – lediglich weniger schön formuliert – zur Beschleunigung unserer Entwicklung, zum Zeitalter der Digitalisierung, zum Verlieren des eigenen Ichs und den Bezug zur realen Welt und vom Verlust des Verantwortungsgefühles für alles ausser sich selbst. Ebenso gibt es bereits Texte, die daraus die aktuelle Begeisterung für das Vergangene herleiten.

Nur beschreibt er das mit aussergewöhnlich schönen Sätzen: „…die neuen Menschen in einer Multiplikation der Aufmerksamkeitsherde, welche die flache Aufmerksamkeit kultivieren“ sowie „So gesehen hat die alte Zukunft keine Zukunft“.

Bei mir blieb allerdings das Gefühl zurück, dass hier irgendwie der Schluss fehlt, er mahnt uns, hinterlässt uns aber keine Perspektive. Was möglicherweise auch daran liegt, dass es lediglich ein grober Entwurf war und das Buch nicht zwingend seine persönliche finale Fassung dieses Themas sein muss. Aber auch das bleibt eine Vermutung.

Trotzdem ist das kleine, handliche Buch ein wahrer Lesegenuss. Es erscheint tatsächlich unverhältnismäßig teuer – aber da zumindest ich es sicherlich noch mehrmals lesen werde (und nicht mal dann bin ich mir sicher, ob ich auch jeden Satz so begriffen habe, wie der Autor es meint), lohnte sich der Kauf auf jeden Fall.

4 Sterne.

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2 Gedanken zu “Wer wir waren

    1. hallo Svenja,

      erstmal: du hast eine wirklich tolle homepage! Sehr geschmackvoll und mit viel Liebe zum Detail – echt schön gemacht!

      Nun zu R. Willemsen:
      Von ihm erstmals gehört habe ich in den späteren 90ern, da hatte er eine Talkshow „Willemsens-Woche“ – allerdings war ich damals fast noch etwas jung für seine Gedankengänge.
      Viel später hatte er dann eine Kolumne in der Zeit, die ich immer sehr gerne gelesen habe.
      Und jetzt bin ich eben über dieses Büchlein gestolpert, andere Bücher von ihm kenne ich nicht.

      „Wer wir waren“ ist nicht unbedingt etwas, in dem bahnbrechende neue Thesen über das Leben oder die digitalisierte Gesellschaft aufgestellt werden, aber seine Gedanken dazu sind in so absolut hinreissenden Sätzen verpackt, dass es ein wirkliches Vergnügen ist, diese zu lesen.
      Manche Sätze sind sehr verschachtelt und nicht immer verstand ich sie beim ersten Lesen. Aber gerade das macht besonderen Spass, es erneut zu lesen, vielleicht auch etwas anders zu verstehen und sich nochmal an den Formulierungen zu erfreuen.

      Für mich ein weiterer Meister der Formulierungskunst – allerdings im Roman-Bereich: Martin Suter! Kennst du von ihm etwas? Der schreibt so tolle Sätze, davor muss man niederknien 😉

      ciao, bis denn,
      Jule

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